• Wirrvogel ( Wirrvogel@feddit.de ) 
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      3 years ago

      Tja, oder Jungs sind einfach früher in der Bildung so sehr bevorzugt worden und das Bildungssystem so sehr auf ihre Erfordernisse eingestellt, dass der Wegfall davon das Feld gelevelt hat und jetzt zum Tragen kommt, dass sich die Mädchen besser ans Schulsystem anpassen können und bis zu einem gewissen Alter den Jungs vorraus sind.

      Ich bin 1972 in die Schule gekommen und Mädchen hat man damals alle möglichen Steine in den Weg gelegt, angefangen damit, dass einfach angenommen wurde ich gehe zur Hauptschule und habe dann Kinder und arbeite in einem Niedriglohn Nebenjob, über dem Zwang zu Hauswirtschaft statt Werken, bis hin zu Maßregelung kleinster Aufmüpfigkeit während Jungs halt Jungs waren und man ihnen alles hat durchgehen lassen in der Schule und ausserhalb. Wir Mädchen mussten noch das Klassenzimmer kehren und die Tische wischen, die Jungs durften schon mal in den Hof zum Spielen. Die Jungs bekamen auch die besseren Noten weil “die brauchen ja mal einen Beruf mit dem sie eine Familie ernähren können”.

      Auch gerade was Familien mit Intergationshindergrund angeht, sind in den letzten Jahren die Hindernisse für viele der Mädchen weggefallen, die von den Familien gesetzt wurden. Hier im Viertel laufen gerade reihenweise die Schwestern ihren Brüdern bildungstechnisch davon und das führt zu einigem Konfliktpotential innerhalb der Familien.

      Natürlich muss man sich um Ausgleich bemühen, aber man muss sich halt nicht wundern wenn Gleichberechtigung und Abbau von Bevorzugung Auswirkungen nach unten hat. Die Auswirkungen gab es ja vorher auch anders herum, als “Mädchen halt schlecht in Mathe” zu sein hatten um die Jungs besser aussehen zu lassen, oder Förderung für Mädchen nicht statt fand weil “lohnt sich nicht, du kriegst ja eh gleich Kinder”.

      Ich habe da einige Narben aus meiner Schulzeit, bis hin zum Professor in Informatik der meinte “dann erkäre ich es ihnen mal so, Frau Wirrvogel, dass auch sie als Frau es verstehen können”.

      • DrunkenPirate ( DrunkenPirate@feddit.de ) 
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        3 years ago

        Das liest sich jetzt wie so ein Rachefeldzug Marke Recht so. Also müssen jetzt alle Jungen dafür leiden, weil du es damals schlecht hattest. Alle Jungen sollen jetzt mal unterfördert werden, damit die das mal wissen, was das hieß damals. Mannomann. Ziemlich armseliger Gedanke.

        Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit gilt dann nur für weibliche Menschen, oder?

        • Wirrvogel ( Wirrvogel@feddit.de ) 
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          3 years ago

          Natürlich muss man sich um Ausgleich bemühen,

          Steht da nicht umsonst, aber anscheinend vergebens, wenn du es überliest.

          Ich finde das was passiert nur nicht verwunderlich und verstehe nicht warum man nicht erwartet hat, dass es passiert und Gegenmaßnahmen ergriffen hat um es zu verhindern (hier mein Pikachu Gesicht einfügen) und selbstverständlich ist Chancengleicheit wichtig. Ich schildere ja gerade deshalb meine Wunden, weil Benachteiligung solche hinterlässt für ein ganzes Leben, unabhängig vom Geschlecht.

          • Neshura ( neshura@bookwormstory.social ) 
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            3 years ago

            Als jemand der relativ frisch aus dem ganzen Apparat raus ist: das Bildungssystem ist meiner Meinung nach für sowohl Jungs als auch Mädchen in einem Katastrophalen Zustand aber, und ich basiere das fast ausschließlich auf meiner eigenen Erfahrung also 100% Spekulation, das System neigt eher in eine Richtung in der Jungs einen größeren Nachteil haben. Das reicht vom Umgang der Lehrer mit Konflikten zwischen den Schülern über die Auswahl und Gewichtung der verschiedenen Fächer bis hin zu sehr offenem Sexismus gegen die Jungs Seitens der Lehrer(-innen).

            Wie gesagt alles nur eigene Anektoden und nicht auf breiteren Fakten basiert aber hier einige Meinungen:

            • Konfliktumgang in Schulen ist ein Witz, nach ner Schlägerei alle Beteiligten in einen Raum zu setzen und zu sagen “vertragt euch jetzt” klappt nicht. Noch weniger klappt beide Seiten zu bestrafen, egal wer angefangen hat.
            • Stangen-Turnen sollte eine Menschenrechtsverletzung gegen Jungs sein, Quetschungen an den Eiern sind mitunter extrem unangenehm
            • Die Verteilung der Unterrichtsfächer (Kunst, Musik vs Physik/Chemie) hat mir zum Teil sehr den Eindruck gegeben, dass die Künste stark bevorzugt werden (wir hatten kein Physik bis in die 8. aber Musik & Kunst alle Jahre davor). Iirc haben bei solchen Fächern Mädchen einen natürlichen Vorteil aber kann auch sein, dass das ne Fehlinformation war die ich mal aufgeschnappt habe.
            • Es ist teilweise ein offenes Geheimnis, dass Jungs bei manchen Lehrern prinzipiell schlechter benotet wurden. Das reicht von Lehrern die Mädchen proportional zur Oberweite besser bewerten bis hin zu Lehrerinnen die fast schon offen Männerhass hatten. Inwieweit das auf der Gegenseite auch passiert kann ich nicht sagen, es würde mich aber nicht überraschen wenn die Benachteiligung von Mädchen durch sexistische Lehrer auch noch immer ein Problem ist, das Verhältnis von Lehrern zu Lehrerinnen lässt mich aber vermuten, dass meine gelebte Erfahrung wohl eher der verbreitetere Zustand sein dürfte.

            Abgesehen davon eine Anekdote die eventuell Einblick gibt warum Rechts bei Jungs so gut ankommt:

            Uns (den Jungs im Jahrgang) wurde immer vermittelt, dass es quasi keine Unterschiede in der schulischen Leistung zwischen Jungs und Mädchen gäbe und wir halt einfach schlechter in Sachen wie Kunst oder Musik wären und wir an den schlechten Noten halt selber Schuld seien. Das haben wir (fast alle) dann auch erstmal so als Tatsache hingenommen, was soll man denn auch anders machen als Kind ohne Lebenserfahrung. Problematisch wurde das dann erst als die Sportleistungen anfingen massiv anders bewertet zu werden. Der Großteil der Beschwerden die ich gehört habe, und die ich auch von mir gegeben habe, waren zwar eher in die Richtung “man beschwert sich halt weil man keinen Bock aufs laufen hat” aber es hat dann doch die Frage aufgeschmissen warum nur im Sport so differenziert wird und ob da nicht eventuell an anderen Stellen auch differenziert werden müsste. Es wirft bei einem selbst einige Fragen auf wenn man immer hört “ihr seid halt einfach schlechter” nur um dann in einem Fach, in dem die Unterschiede zwischen den Geschlechtern selbst für “dumme” Kinder sehr offensichtlich sind, auf einmal eine Privilegierung der Mädchen zu haben. Es macht einen extrem misstrauisch dem restlichen System gegenüber weil als “dummer” Schüler hat man ja keine Ahnung ob man in irgendeinem Fach durch die eigene Physiologie benachteiligt ist. Also hängt man mit den Zweifeln in der Schwebe. Das macht einen extrem Anfällig für die Meinungen der Rechten.

            • noobnarski ( noobnarski@feddit.de ) 
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              3 years ago

              Die Unterschiede der Bewertung im Sportunterricht wenn konkret leistungsbezogen bewertet wurde, war meiner Meinung nach komplett daneben bei uns.

              Wir hatten einen Konditionstest in der Oberstufe, bei dem Noten nach der Zeit, die man beim Laufen braucht, gegeben werden, die Note floss direkt in die Zeugnisnote ein.

              Ein Mädchen ist fast gegangen, die hat eine bessere Note bekommen als ich, der danach erstmal 30 Minuten auf dem Boden lag weil ich so fertig war, ich hatte sogar vorher extra geübt Zuhause.

              Solange die Benotung nicht nach Tabellen gemacht wurde, fand ich sie im Sportunterricht allerdings halbwegs fair, auch wenn ich nicht so viel davon halte, dass der Sportunterricht überhaupt bewertet wird.

              Dadurch kann nicht so fitten Menschen die Lust am Sport komplett ausgetrieben werden, was eigentlich das Gegenteil der Idee des Sportunterrichts ist.

          • Aetherion ( Aetherion@feddit.de ) 
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            3 years ago

            Es ist doch recht einfach:

            In diesem Artikel gibt es folgendes Zitat: “He stresses that many of the men he deals with have positive attitudes to women and feminism, but he says some can feel they are being stereotyped, or blamed for others’ actions.”

            Dies beschreibt das Kernproblem des aktuellen Feminismus. Die gefühlte moralische Überlegenheit gegenüber aller cis-männlich gelesenen Personen (was to-be-fair 99 % aller männlich gelesenen Personen ausmacht).

            Stroh-Mann Argumente bei jedweder Diskussion an den Kopf geworfen zu bekommen ist nun mal ein guter Garant etwaige Feministinnen, als Feinde anzuerkennen.

            Stattdessen sollten ALLE sich auf das Principle of Charity berufen und so handeln: https://de.wikipedia.org/wiki/Prinzip_der_wohlwollenden_Interpretation

          • Kaldrae ( Kaldrae@feddit.de ) 
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            3 years ago

            Bezüglich deines letzten Punktes: Ich sehe es absolut nicht als Positiv an das wir “überkorrigiert” haben. Das treibt super schnell junge Leute in Rechte Richtungen die einfache Erklärungen anbieten für komplexe Probleme. Grad als junger Mensch ist man da nochmal ein wenig anfälliger und festigt seine Meinung schnell in ein einfaches Weltbild. Es muss schleunigst geschaut werden dass hier die Gleichberechtigung in der Schule ankommt in allen Formen, damit wir nicht eine halbe Generation Anfällig machen für Propaganda.

            Und das Problem scheint ja nicht neu zu sein. Dein Artikel vom Handelsblattz ist von 2007. Wird schleunigst Zeit hier aufzuholen und den Jungs von heute zu zeigen das Gleichberechtigung nicht immer heißt das Männer zurückstecken müssen, sondern das Gleichberechtigung wirklich was geiles sein kann, das wirklich allen was bringt.