Gedanken | Soll ich darüber froh sein behütet und in einer heilen Umgebung aufgewachsen zu sein?
Als ich Anfang der '80er Jahre fünf Jahre alt war haben meine Eltern ein Haus auf dem Land gebaut und wir sind dorthin gezogen, aus der Stadt. Für mich war es eine 100%ige Veränderung. Die Luft war sauber, meine chronische Bronchitis die ich auf Grund der Abgase des Zementwerkes und der vielen Autos in der Stadt hatte war noch einem halben Jahr Geschichte. Ich hatte viel Platz und das was man gerne als eine schöne heile Welt bezeichnet. Die Kehrseite war das man für alles das man nicht vor Ort hatte die Eltern brauchte um einen dorthin zu bringen, das man von der Politik allenfalls vom Fernsehen und aus der konservativen Ecke mitbekam. Das man auf das was das Dorf bot beschränkt war und das war auch damals vor dem großen Sterben der Vereine nicht viel. Geändert hat sich das erst als ich wegen der Schule mobiler wurde, nach Außerhalb musste, als ich irgendwann ein eigenes Auto hatte und nun als nächster Schub als ich in die Stadt gezogen bin.
Persönlich habe ich von meiner Kindheit und Jugend positive als auch negative Erinnerungen und Erfahrungen mitgenommen. Die Natur, die relative Freiheit und der viele Raum den ich hatte war positiv, aber es gab auch sehr viel negatives, was auch damit zusammenhing das ich mich für andere Gleichaltrige interessierte, das ich kaum Menschen hatte mit denen ich mich über das was mich beschäftigte austauschen konnte hatte, das ich lange in dieser kleinen Welt eingeschlossen war und das sie sehr konservativ geprägt war.
#Gedanken #Kindheit #Erinnerung #Erfahrung #Dorf #HeileWelt #Vergangenheit @dach
Ich bin Anfang bis Mitte der 90er in einem extrem kleinen Dorf in Brandenburg aufgewachsen - und ich war dort das einzige Kind. Meine Mum konnte aufgrund ihres starken Asthmas nicht mehr arbeiten und da der nächste Kindergarten sehr weit weg war (es fuhr nichtmal ein Bus in dieses Kackdorf) hat sie eine Sondererlaubnis bekommen, mich zu Hause großzuziehen.
Ich habe also basically bis zur Einschulung kaum andere Kinder gesehen. Das hat Vor- und Nachteile. Mein Gehirn ist so verdrahtet, dass man mich wohl monatelang in einer Forschungsstation in der Antarktis aussetzen könnte und ich hätte kaum Probleme damit. Ich kenne die Ruhe und Einsamkeit und schätze sie auch. Ich kann mich auch über Tage und Wochen hinweg auf eine Sache konzentrieren und dadurch neues Wissen in meinem Kopf prügeln, das macht mir sogar Spaß - und ich denke, die Beschäftigung mit sich selbst ist etwas, was viele Menschen nicht hinbekommen und dann zur Dauerbeschallung mit Tiktok und Co. greifen.
Allerdings habe ich in den ersten Jahren meiner Schullaufbahn auch sehr starke Probleme damit gehabt, mit anderen Menschen umzugehen und mich ihnen anzuvertrauen - einfach weil ich es nie gelernt habe. Es gab immer mal wieder Situationen in denen ich mich antisozial verhalten habe und daraus resultierend unzählige Elterngespräche.
Ich würde dennoch sagen, dass ich eine sehr gute Kindheit hatte. Bis zu meinen Zwanzigern habe ich meine Eltern verflucht, weil ich so heftige Probleme hatte, in der Gesellschaft mit anderen Menschen klarzukommen, aber das habe ich überwunden und jetzt schätze ich all die Vorteile die aus so einer Art “Eremiten-Laufbahn” entstanden sind.
Ich sehe das genau wie muelltonne, die Kindheit ist vorbei und man ist nunmal in den Umständen aufgewachsen, in denen man aufgewachsen ist. Daran konnte man damals wie heute nichts drehen. Ich bin ehrlich glücklich, dass ich nicht in so einer zerrütteten Familie aufgewachsen sind wie manche meiner Freunde, wo es teilweise extrem starke Regeln gab (z.B. “keine privaten Fernsehsender” oder “kein Internet”) oder die Eltern ständig im Streit lagen.
Ich hab als Kind die Ruhe auf dem Land genossen, doch nach der Schulzeit wollte ich mehr, mir hat irgendwie was gefehlt. Heute wohne ich genau im Zentrum von Rostock und diese Stadt hat irgendwie genau die richtige Größe um nicht zu sehr zu nerven. :) Zurück auf’s Dorf möchte ich nicht mehr, da würde mir doch einiges an Komfort fehlen.
Ich bin ab den 2000ern auf dem Land aufgewachsen und hab dann so eine Art Hassliebe fürs Land entwickelt. Ich vermisse den warmen Asphalt des kaum befahrenen Wirtschaftswegs unter meinen Barfüßen im Sommer, die Weite und Vegetation. Ich hasse die kulturelle Engstirnigkeit / Gleichförmigkeit, den kulturellen Alkoholismus, die Immobilität, das Lästern / Tribalismus und der Diskriminierungsdrang. Kurzgesagt, die meisten Leute aufm Land sind zu meiden, “Natur” cool.
@5715 Ja dem kann ich so zustimmen, nur das es mich zwei Jahrzehnte früher dorthin verschlagen hat, noch dazu in einen einigermaßen abgelegenen Winkel.
Ich bin überhaupt nicht behütet aufgewachsen. Weder wurden meine (Grund) bedürfnisse erfüllt, noch wurde ich vor Gewalt und Übergriffen bewahrt. Wenn ich etwas wollte, musste ich das selbst organisiert. Dass ich im dörflichen Rand einer Großstadt aufwuchs, welcher mit der Straßenbahn verbunden war, war wirklich hilfreich. Sportverein und Jugendarbeit haben mich stark geprägt und unterstützt. Meine Kinder habe ich mit meinem Mann in einer Kleinstadt aufgezogen. Dort leben beide noch heute, was für mich natürlich sehr schön ist, weil wir ein enges Verhältnis zueinander haben.
Ich bin 2000, kurz vor meinem 5. Geburtstag mit meinen Eltern aufs Land gezogen. Die Ruhe und die Möglichkeiten zur freien Entfaltung sind unglaublich schön. Auch die Nähe zur Natur schätze ich sehr. Dorfleben in Ostsachsen ist nur durchzogen von sehr eigensinnigen Charakteren. Als generell auffälliges Kind (mit 30 hab ich dann die Diagnose ADHS bekommen) war ich nicht sehr beliebt in der Dorfgemeinde. Die Schule im Nachbardorf wurde geschlossen bevor ich in die 5. Klasse kam, daher musste ich für den weiteren Lehrweg dann doch in die Stadt. Das lief nur durch einen extra organisierten Bus, der die Schüler von den Dörfern abgeholt hat. Dazu kommen die Probleme die du schon angesprochen hattest. Als erwachsener heute wieder in die Stadt zu ziehen war schon auch eine Befreiung für mich, auch wenn ich die Ruhe sehr vermisse.
Irgendwie irritiert mich diese Frage im Titel - natürlich darf man froh sein, in einer heilen Umgebung aufgewachsen zu sein. Das ist ein gewaltiges Privileg für das man auch dankbar sein darf. Andere hatten es garantiert schwieriger. Das bedeutet aber auch nicht, dass dort alles zu 100% heile und perfekt gewesen sein muss. Und am Ende … kann man eh nichts dagegen machen, die eigene Kindheit ist vorbei und man hatte da null Einfluss drauf und daher braucht man sich auch kein schlechtes Gewissen drüber machen, wie sie gelaufen ist.


