• Das Kernproblem ist ja, dass Kinder immer mehr können sollen. All die Skills, die Kinder in den 70ern und 80ern in der Schule gelernt haben, sollen sie ja trotzdem können, inklusive Kopfrechnen. Und gleichzeitig müssen sie dann plötzlich Computer, Internet, mehr Fremdsprachen, Videoschnitt und was nicht alles können zusätzlich zum Lesen, Schreiben, Rechnen, Uhrlesen, Schnürsenkelbinden und so weiter und so fort können. Autofahren sollen sie mit 18 können können, dazu Programmieren, Umgang mit KI, Excel, Word, Powerpoint, Präsentationsskills, Musizieren, aber natürlich auch handwerkliche Fähigkeiten besitzen und so weiter. Das funktioniert natürlich irgendwie dann doch nicht.

    • kossa ( kossa@feddit.org ) 
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      7 months ago

      Hab’ auch schon damals™ bei G8 und Bologna immer nur gedacht “warum will man Ausbildungszeiten verkürzen?”. Der ganze Scheiß ist doch komplizierter geworden, if anything, müsste man sie verlängern.

      Auch in Ausbildungen. Früher™ ist man Tischler geworden. Gab drei Sägen, drei Holzarten, hat man sich jeweils ein Jahr mit beschäftigt.

      Jo, heute gibt es 800 Spezialsägen, jede auch noch mit drölf Sägeblättern. Man verarbeitet 2.000 Holzarten. Die Ansprüche der Kunden an die Wertigkeit sind auch noch krass gestiegen, Toleranzen viel kleiner.

      Dann wird alles digital angesteuert, man muss nebenbei in der Ausbildung auch noch CAD lernen. Das haben die Maschinenbauer bei uns richtig intensiv drei Semester lang gemacht, das soll so ein Azubi mal nebenbei in seinen drei Jahren auch noch machen. Is’ klar.

      Und dann alle “die Jugend von heute ist so dumm und faul”. Ne man, wir wollen einfach zu viel von ihnen in zu kurzer Zeit.

      • Dazu kommt, dass unser Schulsystem extrem schlecht darin ist, alte Inhalte zu streichen. Wir unterrichten immer noch Altgriechisch und Latein. Versucht jemand, das abzuschaffen, kommen sofort die Besitzstandswahrer um die Ecke und erzählen etwas von klassischer Bildung, Cicero und Caesar. Du kriegst den Religionsunterricht nicht aus den Schulen, wegen der großen Lobby der Kirchen. Und dann haben wir einen Deutschunterricht, der nicht sicherstellt, dass jeder Absolvent auch wirklich Deutsch sprechen und schreiben kann, aber dafür Goethe enthält. Willst du aber die Gedichtanalyse herauswerfen, um in der Zeit etwas Wichtigeres zu unterrichten, stehen sofort diverse gut vernetzte Leute auf der Matte und schwadronieren vom Untergang des Abendlandes und Rilke und Schiller.

  • bilgamesch ( bilgamesch@feddit.org ) 
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    7 months ago

    Mein kleiner take dazu, da ich selbst unterrichte (Deutsch, Geschichte, Informatik):

    Ja, die Kids können das heute oft (!) nicht mehr - an und für sich wäre das nicht-lesen-können analoger Uhren auch kein Untergang, da sie sowohl im privaten Gebrauch, als auch in der Öffentlichkeit zunehmend verschwinden.

    ABER - und da kommt jetzt der Deutschlehrer raus: Unsere Sprache kennt viele Arten, Uhrzeiten auszudrücken - und die meisten in der gesprochenen Alltagssprache gebräuchlichen Ausdrucksweisen konzeptualisieren irgendwo das Ziffernblatt. Jetzt hab ich in meinen Klassen Kinder sitzen, die z.B. nicht verstehen, was gemeint ist, wenn man ihnen sagt, dass man sich um “Halb 9” trifft - oder eben um “fünf nach halb 9”. In den obskuren Regionen, die Zeitpunkte bzw. Zeiträume mit Bezeichnungen wie “Dreiviertel Sieben” angeben, wird das ganze noch offensichtlicher. Klar - für die reine Uhrzeit würde es reichen zu sagen “Es ist Zehn Uhr Fünfunddreißig” aber darum gehts nicht. Die Kommunikation wird beeinträchtigt und damit die Fähigkeit, sich auszutauschen.

    Mit dem Verlust dieser kommunikativen Fähigkeit, welche maßgeblich darauf aufbaut, dass man den Aufbau eines Ziffernblatts versteht, geht auch eine ganze Reihe weiterer hilfreicher Konzepte verloren - z.B. in der Mathematik. Ich z.B. visualisiere mir den Bruch 3/4 immernoch mit einem Dreiviertelkreis, das so kommunizieren zu können, vereinfacht tatsächlich die Zugänge zu bestimmten mathematischen, naturwissenschaftlichen oder informatischen Konzepten - es nicht zu können, macht das Leben schwerer.

    In Kombination mit der immer stärker zurückgehenden Lesekompetenz - die m.M.n in direktem Zusammenhang mit einer abnehmenden Leistung des Arbeitsgedächtnisses steht (was wieder ganz andere Methodik benötigt als die bloße Lese-Lern-Methodik, mit der wir immer wieder gegen die Wand laufen) - schaffen wir gerade das Fundament für eine Kohorte an Kindern und Jugendlichen, die gerade in der Welt, wie wir sie bauen, immense Probleme haben werden, sich zu orientieren und mit alltäglichen Dingen klarzukommen.

  • Ich misstraue Stimmen die aufgrund von persönlichen Meinungen und Anekdoten Dinge als antiquiert bezeichnen.

    Also ich halte es für eine wichtige Fähigkeit die Zeit von analogen UND von digitalen Uhren abzulesen und es gibt in meiner Umgebung auch nicht weniger analoge als digitale Uhren.

    • Ich finde es ehrlich gesagt wichtiger die Uhrzeit am Sonnenstand zu erkennen als über analoge Uhren. Letztendlich ist das einfach nur transiente menschliche Technologie. Die kommt und geht.

      Klar ist es von Vorteil wenn man weiß wie das Gerät zu bedienen ist. Genau so wie es von Vorteil ist wenn man nähen, stricken, häkeln kann. Oder wenn man reiten kann. Oder selbst Butter herstellen. Aber man kann auch gut ohne dieses Wissen leben.

      • Eine sehr nützliche Eigenschaft, solange die Sonne scheint. Und leider auch nicht auf die Minute genau. Aber auch wenn deshalb dein Kommentar wahrscheinlich ironisch war, ist es dennoch eine nützliche Fähigkeit zu jeder Tageszeit zu wissen wie spät es ungefähr ist.

        Der Vergleich mit digitalen und analogen Uhren erschließt sich mir aber nicht. Eine (Quarz) Uhr mit analogen Zifferblatt zeigt die Uhrzeit genauso exakt an wie Ihr digitales Äquivalent. Es ist also nur die Art der Wiedergabe die anders ist. Aufgrund des eigenen (Mode) Geschmacks eine Art davon als veraltet darzustellen halte ich für Quatsch.

  • Nein und es ist auch keine besonders wichtige Kompetenz mehr. Ich bin über 30 und brauche auch mehrere Sekunden, um eine analoge Uhr zu lesen, weil alle Uhren, die ich im Alltag verwende und brauche, digital sind, und das war auch schon in meiner Kindheit so. Also ist das eine Fertigkeit, die ich zwar einmal gelernt habe und bei Bedarf auch wieder aufrufen kann, im Alltag aber nicht brauche.

    Ich schätze, dass in ein paar Jahrzehnten analoge Uhren genau so veraltet sein werden wie heute Fraktur- oder Kurrentschrift.

    • Nur vereinzelt. Sie gehören nicht zur üblichen Klassenraumausstattung, d.h. wenn da eine hängt, hat der Lehrer sie gekauft - von seiner eigenen Kohle. Die werden oft vandalisiert, deswegen verschwinden sie zunehmend. Gibt auch Kollegen, die nehmen sie bewusst aus dem Raum raus - ich jedenfalls verbrachte in meiner Schulzeit gerne viel Zeit damit zu schauen, ob die Stunde schon Richtung Ende geht und hörte dann regelmäßig 5 Minuten vorher auf zu arbeiten Ü.

      Ganz Pragmatisch denken sich sicher auch viele, dass die Schüler sowieso eine vor sich haben - auf ihrem Tablet-Display.

    • Lumidaub ( Lumidaub@feddit.org ) 
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      7 months ago

      Ich bestehe auf einem “analogen” Zifferblatt auf meiner Uhr. Reine Ziffern sagen mir vielleicht grade so die jetzige Uhrzeit, bzw ob eine bestimmte Uhrzeit schon eingetreten ist, aber ob bis Uhrzeit XY “noch Zeit” ist, die Verortung im größeren Zeitkontext sozusagen, versteht mein Hirn nur mit analoger Darstellung (oder größerer Anstrengung).

      Ich kann auch reine Ziffern nicht ohne weiteres in Worte umwandeln, wenn mich jemand fragt. 18:26? äääh… Ku… Zwa… A… Achtzehn Uhr sechsundzwanzig…

      Großer Zeiger zwischen 5 und 6, kleiner Zeiger zwischen 6 und 7? Gleich halb 7.

  • Majoran ( Majoran@feddit.org ) 
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    7 months ago

    Mein zuletzt gelesenes Buch war von dem Autoren Neil Postman über die Pädagogik mit dem Titel Learning as a Subversive Activity. Es ist im großen ziemlich radikal und teilweise vielleicht auch ein wenig polemisch, aber nach der Lektüre triggern mich solche Schlagzeilen nur noch umso mehr. Im Grunde verurteilt er in dem Buch jegliches Lernen, welches von Lehrkäften aufgezwungen wird und bezeichnet dies größtenteils als komplett ineffektiv. Menschen lernen das, was sie in ihrer Umgebung in irgendeiner Weise brauchen und so sollte auch das ganze Schulsystem aufgebaut sein. Analoge Uhren zu lernen ohne den Kindern einen Grund zu geben, wieso sie das überhaupt brauchen (Postman bezeichnet das auch direkt als “survival skills”), ist einfach nur Zeitverschwendung. Man kann entweder eine Lebens-Umgebung schaffen, in der das Analoge-Uhren-lesen Sinn ergibt oder man lässt es und bringt den Kindern die Uhren bei, die sie auch im Alttag am meisten begegnen.

    Wenn solche Uhren in der Realität verschwinden, dann ist das halt so. Und wenn sie irgendwann doch wiederkommen, werden Menschen sich die Fähigkeit, sie zu lesen, auch wieder aneignen. Ist ja auch nicht so, dass man das mit 14 gelernt haben muss und ansonsten kriegt das Gehirn das nicht mehr hin.

    • was sie in ihrer Umgebung in irgendeiner Weise brauchen

      Super, dann hast du 16-jährige die streetsmart sind und ein Smartphone als Consumer bedienen können und dann stehste da und willst damit ein BSP erwirtschaften, viel Glück dabei.

    • 7yrael ( 7yrael@feddit.org ) 
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      7 months ago

      Klingt spannend, darüber habe ich auch schon im Kontext der „survival skills“ öfter nachgedacht, ohne den Begriff natürlich… neue Lektüre für mich!

  • Das ist tatsächlich ein spannendes Thema. Ich habe zwar seit vielen Jahren eine Smartwatch, darauf habe ich aber bewusst immer ein analoges Ziffernblatt… andererseits sind sämtliche andere Uhren in meinem Umfeld (Auto, Küchengeräte, Radiowecker) inzwischen reine Digitaluhren. Die zufällige Exposition zu Analoguhren nimmt also wahrscheinlich ab, dennoch halte ich das weiterhin für ein relevantes Wissen.